Olaf Scholz, stellv. Parteivorsitzender der SPD: »Ich bin mit 17 Jahren in die SPD eingetreten, um für mehr Gerechtigkeit zu streiten. Das ist auch weiterhin mein wichtigster Ansporn. Weil das Archiv der Arbeiterjugendbewegung die Motive und das Engagement vieler Menschen, die für Gerechtigkeit gekämpft haben, dokumentiert und noch vielen Generationen zugänglich machen wird, unterstütze ich diese hervorragende Einrichtung«. |
| Archivtagung 2009 "Geschichte der Falkeninternationale nach 1945" |
|
|
|
|
Seite 1 von 10
Dass es die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung in den letzten zwei Jahrzehnten nicht leicht hatte, ist ein oft gehörtes Lamento von entsprechend engagierten Historikerinnen und Historikern ebenso wie von Interessierten in Parteien, Gewerkschaften und anderen »links« orientierten Organisationen und Verbänden.
Allerorten werden die finanziellen Mittel gekürzt, wird es schwieriger, Archivstrukturen aufrecht zu erhalten, Quellen bestände zu pflegen und diese für die wissenschaftliche und interessierte Öffentlichkeit bereitzustellen. Umso erfreulicher ist es, dass das Archiv der Arbeiterjugendbewegung in Oer-Erkenschwick dieser Tendenz nachhaltig zu trotzen vermag. Nicht nur werden hier die Archivalien der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung in Deutschland gesammelt und aufbereitet. Vielmehr zeigt sich bei den Jahrestagungen des Archivs auch eine deutlich internationale, weit über Deutschland hinaus weisende Perspektive, die sowohl dem internationalistischen Anspruch der sozialistischen Arbeiterbewegung gerecht wird als auch einer Geschichtsbetrachtung, die nicht an nationalen Grenzen halt macht. Standen bereits bei der Jahrestagung 2007 historische Probleme der Sozialistischen Jugendinternationale (IUSY) als Dachorganisation der nationalen Einzel verbände vor und nach 1945 im Mittelpunkt, so widmete sich die diesjährige Tagung vom 9. bis 11. Oktober unter dem Titel »Neue Wege zum Sozialismus in einem neuen Europa?« der Falkeninternationale, IFM/SEI, und ihren Mitgliedsorganisationen. Der Einladung des Archivs folgten Referentinnen und Referenten aus sieben Ländern, die einen Querschnitt durch ganz Europa zeichneten. Der Fokus lag dabei auf den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten, wenn auch im Einzelnen meist eine Langzeitperspektive eingebracht wurde. Mit der zeitlichen Schwerpunktsetzung boten sich v. a. zwei Leitfragen an, einmal die nach den Möglichkeiten grenzüberschreitender Jugendarbeit – trotz oder gerade wegen der Verwerfungen der präsenten Kriegs- und Faschismuserfahrungen. Andererseits war zu fragen, welche Rolle im beginnenden Kalten Krieg unterschiedliche Sozialismus-Konzeptionen für die einzelnen Mitgliedsorganisationen spielten. Welche Erfahrungen machten also die Arbeiterjugendorganisationen in unterschiedlichen, vorwiegend westeuropäischen Ländern, wo unterschieden sie sich und wo zeigten sich Parallelen? Zum Auftakt sahen die Tagungsteilnehmer den Film »Der Falkenstaat ›Junges Europa‹ 1952«, der das zweite internationale Falkenlager nach Kriegsende in den bayrischen Alpen porträtiert, an dem Jugendliche aus zahlreichen europäischen Ländern teilnahmen. Sowohl in dem Film selbst als auch im an schließenden Gespräch zwischen Alexander Schwitanski, dem Leiter des Archivs, und Lorenz Knorr, dem Organisator des damaligen Lagers, der als Zeitzeuge anwesend war, schienen einige Eckpunkte auf, die auch in späteren Beiträgen problematisiert werden sollten. Während der Film eindrücklich das Bemühen um Völkerverständigung, um das gemeinsame Einüben demokratischer Praktiken und in Ansätzen auch den Gedanken eines gemeinsamen Europa vorführte, war andererseits die weitgehende Abwesenheit aller Reminiszenzen an Arbeiterbewegung und Sozialismus auffällig. Was stärker nachwirkte, war die Naturromantik der alpinen Bergwelt. Lorenz Knorr machte denn im Anschluss auch die Problematik sowohl des Films als auch der Organisation des Lagers deutlich. Auf den Führungsebenen der verschiedenen Verbände herrschten sehr unterschiedliche Vorstellungen über den Sinn und Zweck sozialistischer Erziehungsmodelle. Insbesondere die Vertreter der skandinavischen Organisationen zeigten große Vorbehalte gegen eine explizit politische Erziehung im Sinne einer Parteiideologie. Im Lager selbst spielten, so Knorr, solche Diskussionen kaum eine Rolle, eher seien offenere Ideen wie Pazifismus, Völkerfreundschaft und Menschenrechte thematisiert worden. Die Gegenseite zu diesen ideologischen Auseinandersetzungen, gerade für die deutschen Jugendlichen, von denen die meisten noch HJ Erfahrung hatten, war das besondere Erlebnis der internationalen Begegnung über alle Sprach grenzen hinweg. Ein Artikel der FAZ zeigte sich beeindruckt, dass das Lager ohne Trillerpfeifen-Kommandos auskam – was wohl als Erfolg von Koedukation und demokratischen Erziehungsprinzipien zu werten war. |








