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Roland Gröschel gestorben

Im Juli 2010 starb Roland Gröschel im Alter von nur 51 Jahren in Neu-Zittau bei Berlin. Er wurde am 14. August im engsten Kreis der Familie in seinem Geburtsort Naila beerdigt. Auf dem Weg zu einer professionellen Geschichtsschreibung der Arbeiterjugendbewegung, insbesondere der Kinderfreundebewegung, hat er Meilensteine gesetzt. Mit vielen älteren Mitgliedern der SAJ, Kinderfreunde und SJD – Die Falken hat er lebensgeschichtliche Interviews geführt, aufgenommen und archiviert. Doch niemand hielt die Zeit für gekommen, ihn selbst zu befragen. Er ist zu früh gestorben.

Roland Gröschel wurde am 7. Juni 1959 in Naila bei Hof in Oberfranken geboren. 1975 trat er den Falken im Ortsverband Hof bei, wurde Mitglied des Bezirksvorstandes Oberfranken (SJ-Ring, Bildungsarbeit, Politische Aktionen) und gehörte 1983 bis 1985 dem Bundesvorstand der Falken als Referent für Bildungsarbeit und Grundsatzfragen an.

Schon in seiner Studienzeit interessierte er sich für die Geschichte der Falken, zu der es damals nur wenige wissenschaftliche Studien gab. Es lag deshalb nicht fern, dass er seine erste Diplomarbeit an der Universität/GHS Bamberg über die Geschichte der Falken, insbesondere die Entwicklung in Bayern, schrieb. Die Quellen dazu musste er sich noch bei den früheren Mitgliedern zusammenbetteln. An der Freien Universität Berlin studierte er danach Soziologie und einige sogenannte Nebenfächer wie Psychologie und Pädagogik. Diesmal war sein Diplomthema die Umbruchsphase der Arbeiterjugendbewegung 1919 –1921 in Berlin. Kaum ein Sammelband erschien seither, zu dem er nicht einen Artikel beisteuerte. Weite Strecken des Textes im Fotoband Bilder der Freundschaft, den 1988 das Archiv der Arbeiterjugendbewegung herausgab, stammen von ihm.

Er hat viel gearbeitet, aber immer in der prekären Situation von Forschungsprojekten und mit zeitlich begrenzten Arbeitsverträgen, wie es später für viele Wissenschaftler fast zur Regel werden sollte. 1987 baute er eine Literaturdokumentation zum Thema Politische Kultur in der DDR am FB Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin auf. In den drei Jahren danach (1988 –1990) arbeitete er beim Landesjugendring Berlin (u.a. zusammen mit Michael Schmidt) die Geschichte der Jugendverbandsarbeit in Berlin von 1945 bis in die Siebzigerjahre auf.

Zwei vielbeachtete, umfangreiche Publikationen entstanden aus dieser Tätigkeit, Trümmerkids und Gruppenstunde und Gruppenleben und politischer Aufbruch (Elefantenpress 1990 und 1993). Weitere Projekte schlossen sich an: an der TU Berlin (1991–92 und 1994–1996) Berliner Jugend zwischen Krieg, Frieden und Systemkonkurrenz 1944 bis 1950; Forschungsprojekt Lernziel‚Völkerfreundschaft und Solidarität – DDR-spezifische Sozialisation zu interkultureller Aufgeschlossenheit oder ritualisierte Form, Vorurteile zu konservieren? in den Jahren 1993–1995. 1994 leitete er die empirische Begleitforschung im IFMCamp in Reinwarzhofen, aus der die Studie Friede, Freundschaft, Falkencamp. Interkulturelles Lernen in einem internationalen Kinderzeltlager sozialistischer Kinder- und Erziehungsorganisationen hervorging. In den Jahren 1996 –1999 arbeitete er an der historischkritischen Aufarbeitung der Geschichte des Deutschen Bundesjugendringes 1949–1999.

Er war auch Sammler und Archivar

In der Zeit nach 1990, als die Verbände der untergegangenen DDR sich aus finanziellen Gründen von ihren Bibliotheksbeständen trennen mussten, sammelte Roland Gröschel Bücher in großen Mengen ein (z.B. der Urania in Leipzig) und brachte sie in sein Haus nach Neu-Zittau, um sie zu erhalten und Interessierten weiterhin zugänglich zu machen. Die Bibliothek umfasst ca. 40.000 Bände mit dem Schwerpunkt Jugendgeschichte. Im Rahmen von Forschungsprojekten galt sein Interesse den lebensgeschichtlichen Interviews, die er und die Projektmitarbeiter und -mitarbeiterinnen mit früheren Mitgliedern der Arbeiterjugendbewegung, der Gewerkschaften und SPD aufgenommen hatten. Besonderes Augenmerk richtete er frühzeitig auf das Problem, wie diese analogen und digitalisierten akustischen Dokumente auf Dauer gesichert werden können, um sie auch noch in 10, 20 oder 50 Jahren anhören zu können. Allein in Neu-Zittau lagern 340 solcher Zeitzeugeninterviews.

Am Institut für Information und Dokumentation (IID) Potsdam hatte er in einem berufsbegleitenden Studiengang das Handwerk des wissenschaftlichen Dokumentars/ Archivars gelernt. 1991 initiierte er den Wissenschaftlichen Verein mit dem etwas sperrigen Titel POSOPA (»Verein zur Förderung von Forschungen zur politischen Sozialisation und Partizipation «) um all die Sammlungs- und Forschungstätigkeiten zu bündeln und ihnen einen institutionellen Rahmen zu geben. Daraus erwuchsen dann weitere Tätigkeiten wie die Herausgabe der Zeitschrift Interventionen mit Beiträgen zur Geschichte der Jugend im 20. Jahrhundert.

Auch eine Schriftenreihe wurde ins Leben gerufen, in der autobiografische Schriften erschienen, u. a. von Heinz Westphal, Jugend braucht Demokratie – Demokratie braucht Jugend. Mein jugendpolitisches Engagement 1945 bis 1974, von Erich R. Schmidt, dem letzten SAJ Vorsitzenden von Berlin vor 1933, Meine Emigrantenjahre 1933 bis 1940, und die Lebensbilanz Aufrecht gehen. Aus der Lebensreise des Kreuzberger Arbeiterjungen Willi Zahlbaum, 2001.

Sein Lieblingsthema war und blieb die Kinderfreundebewegung. 2006 konzipierte und gestaltete er dazu eine Ausstellung für die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin. Seine Pläne reichten weiter. Eine umfassende historische Aufarbeitung schwebte ihm vor. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Aber das Sammelwerk über die Frühgeschichte der Kinderfreunde mit allein 5 Beiträgen von ihm konnte 2006 noch erscheinen (Auf dem Weg zu einer sozialistischen Erziehung, Essen). Roland Gröschel hatte sich viel und vieles vorgenommen.

Eine Menge hat er geschafft. Einiges bleibt, wie kann es anders sein, unvollendet. Obwohl sein Leben zu kurz war, hat er sich seine vielen kleinen Denkmale selbst gesetzt. Wer sich mit der Geschichte der Jugend im 20. Jahrhundert befasst, wird ihnen unweigerlich begegnen.

 

Heinrich Eppe/Wolfgang Uellenberg-van Dawen

 

 

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