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Ralf Grothusen (»Grobi«), Dipl. Informatiker, Berufsschullehrer, Falke seit dem 17. Lebensjahr, tätig in verschiedenen Funktionen, u. a. Mitgründer des Queerforums der Falken und Mitglied im Landesjugendhilfeausschuss: »Eine Bewegung braucht nicht nur Ziele, sondern auch ein Gedächtnis. Ohne »Woher« kann es auch keine klare Vorstellung vom »Wohin« geben. Außerdem bin ich sammelwütig und freue mich, dass mir auf diesem Gebiet Andere die Arbeit abnehmen«.

Die letzten Lebensstationen Luise Kautskys PDF Drucken E-Mail

Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, am 15. März 1938, verlassen Luise und Karl Kautsky Österreich Richtung Tschechoslowakei, um von dort aus in die Niederlande zu fliegen. Karl ist bereits vor der Flucht gesundheitlich stark angeschlagen; er leidet an Bauchspeichelkrebs. Im Herbst 1938 erleidet Karl Kautsky einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 17. Oktober 1938 stirbt.

Luise und Karl Kautsky hatten von der niederländischen Regierung Einreisevisa erhalten; ihren Söhnen werden diese jedoch verweigert. Nur Felix gelingt es, einer Verhaftung zu entgehen. Im August 1938 kann er nach England emigrieren. Die beiden anderen Söhne fallen den Nationalsozialisten in die Hände. Karl jr. reist nach einer kurzzeitigen Verhaftung Anfang 1939 nach Schweden aus. Benedikt Kautsky jedoch wird von Mai 1938 bis April 1945 fast sieben Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern verbringen.

Luise Kautsky

Aufgrund der Neutralität der Niederlande kann Luise Kautsky »ihrem Bendel« Briefe ins KZ Buchenwald schicken und ihn so moralisch unterstützen. Darum lehnt sie es im Frühjahr 1940 auch ab, nach England zu gehen. Durch Vermittlung der Labour Party, bei deren Führung Luise großen Respekt und hohe Anerkennthema ung genießt, hätte sie ein Visum der britischen Regierung erhalten können.Wenige Wochen später treten deutsche Soldaten nicht nur – wie bereits im Ersten Weltkrieg – die Neutralität Belgiens mit Füßen, sondern auch die der Niederlande.

Die deutsche Besetzung raubt der Sozialistin und Jüdin Luise Kautsky ihre bisherige persönliche Sicherheit. Kleinste Fehler können fatale Folgen zeitigen. Im Juni 1944 zieht sie in die Amsterdamer Pension Rijkers, Apolloplan 28, in der sie bereits 1938 mit Karl gewohnt hatte. Auf ihrer Kennkarte ist jedoch eine andere Adresse eingetragen. In jedem zivilisierten Land gilt dies höchstens als Ordnungswidrigkeit, Faschisten ist es Grund genug, Menschen jüdischer Herkunft in den Tod zu schicken. Wenige Tage nach ihrem 80. Geburtstag fällt Luise Kautsky in ihrer Pension einer Routine-Polizeikontrolle in die Hände. Sie wird ins KZ-Sammellager Westerbork verbracht.

Vor dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingslager von der niederländischen Regierung eingerichtet, übernehmen die Nationalsozialisten Westerbork unmittelbar nach ihrer Besetzung der Niederlande als Internierungslager. Mit Beginn der » Endlösung«, der systematischen Vernichtung der europäischen Juden, änderte sich die Funktion des Lagers. Ab Juli 1942 heißt es offiziell »Polizeiliches Judendurchgangslager Kamp Westerbork «. Es ist Ausgangsort für die von der Deutschen Reichsbahn organisierten Deportationszüge, mit denen bis zum 3. September 1944 mehr als 100.000 Juden aus den Niederlanden in die Vernichtungslager verfrachtet werden. Nur etwa 5.000 der Deportierten überleben das Kriegsende. Beinahe zeitgleich mit Luise Kautsky wird Anne Frank aus Westerbork in den Tod deportiert.

Deportationszüge sind Regelzüge mit exakten Fahrplänen. Meist bestehen sie aus gedeckten Güterwagen; nur die Wachmannschaften dürfen in Personenwagen fahren. Für die mehr als 1.000 Kilometer lange Strecke von Westerbork nach Auschwitz benötigt der Zug drei Tage. Das ist an sich schon eine Tortur. Doch um wie vieles schlimmer muss eine achtzigjährige Frau diese Strapazen erleben?

Bei ihrer Ankunft in Auschwitz wird Luise Kautsky erkannt. Genossinnen bewahren die geschwächte Frau vor der Selektion. Wenige Tage später sorgen sie für ihre Verlegung ins Krankenrevier. Lucie Adelsberger berichtet:

»Luise Kautsky war im September 1944 ins Revier aufgenommen worden. Sie war in sehr ramponierten Zustand. Aufregung, Transport und der wenige Tage währende Aufenthalt im Lager, in einem überbelegten Block mit viel zu vielen Menschen, die ohne eigentliche Lagerstätte in überfüllten Kojen hausten, mit keiner andern als der Lagerkost, waren für die 80jährige eine zu starke Belastung. Auf Wunsch von Dr. Mosberg aus Amsterdam und von Dr. Lingens aus Wien wurde sie auf meine Station verlegt. Diese beiden Kolleginnen haben mir auch geholfen, alles so gut zu arrangieren, wie es unter Lagerverhältnissen möglich war. Das ›Bett‹ wurde einigermassen installiert. Wir konnten zwar den Strohsack durch nichts Besseres ersetzen, aber es wurden reichlich Decken organisiert, dazu ein kleines Kopfkissen, warme Unterwäsche und eine wollene Strickjacke. Denn auch ihr hatte man in der Sauna, dem Badehaus, alles bis aufs letzte abgenommen und sie in ein paar elende Lumpen gehüllt. Dr. Lingens brachte sogar einen bunten Morgenrock aus Trikotseide zum Anziehen.

Schwieriger war die Essensfrage. Sie bekam selbstverständlich Diät, d. h. einen halben Liter Griess- oder Haferflockensuppe und ein Drittel Weissbrot mit dreimal wöchentlich 20 gr. Margarine. Aber auch die Diät war genau wie die Lagerkost viel zu kalorienarm und unterwertig und wenn möglich noch fader in der Zubereitung. Man muss sich vergegenwärtigen, was es für einen kranken und alten Menschen bedeutet, jeden Tag dieselbe geschmacklose Suppe und ein paar Scheiben Brot zu essen: kein Gewürz, kein Gemüse, kein Obst, kein Gedanke an Fleich [sic!] und kein Hauch von Süssigkeit, nichts, was den Gaumen reizte.

Luise Kautsky, die, wie sie erzählte, nie eine grosse Esserin war und leckere, kleine Happen bevorzugt hatte, konnte trotz ihrer Energie nicht einmal die winzigen Lagerportionen meistern. Das einzige, was ich ihr zugeben konnte und was ihr immer trefflich mundete, war Milch, die mir der Lagerarzt für einige Patienten genehmigt hatte. Dr. Lingens, die Pakete bekam, brachte ihr jeden Tag ein selbstbereitetes Gericht. Was an Medikamenten und Injektionen nötig war, konnte ich für sie beschaffen. Tatsächlich erholte sie sich so weit, dass sie Anfangs Oktober an warmen, sonnigen Tagen auf ihrem Stuhl auf dem Rasenplatz in der Sonne sitzen konnte.

Bei aller körperlichen Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit war Luise Kautsky geistig von einer Elastizität, die uns jüngere fast beschämte. An ihrem Willen durchzuhalten konnten sich die andern ein Beispiel nehmen. […]

Am 28. November 1944 wurde der Krankenbau vom Frauenkonzentrationslager nach dem früheren Zigeunerlager, kaum 2 km. weit entfernt, verlegt. Der Rummel und die damit verbundene Unruhe haben ihr, trotzdem sie vorsichtig im Krankenwagen transportiert wurde, den letzten Schock gebracht. Anfangs Dezember wurde Dr. Lingens nach Dachau versetzt. Wenige Tage später schlief Luise Kautsky ein, gegen Mittag, so friedlich, dass ich kaum die genaue Zeit auf dem Totenschein vermerken konnte. Sie lag noch einen Tag aufgebahrt auf ihrem Lager. Am nächsten Morgen haben wir, die Blockälteste und deren Vertreterin, die Pflegerin und ich, sie persönlich zur Leichenkammer getragen.

In den letzten Wochen ihres Lebens weiß Luise Kautsky ihren Sohn Benedikt nur fünf Kilometer entfernt. Von Oktober 1942 bis Januar 1945 ist er als Zwangsarbeiter im KZ Auschwitz-Monowitz, dem Lager des Chemiekonzerns IG Farben. Ein persönliches Treffen zwischen Mutter und Sohn kommt nicht mehr zustande, doch es gelingt Helfern, je zwei selbst geschriebene Zettelchen hin und her zu schmuggeln, bevor Luise Kautsky Anfang Dezember 1944 verstirbt.

Luise Kautsky war eine außergewöhnliche Frau, jedoch werfen ihr Mann und ihre Freundin Rosa Luxemburg große Schatten auf ihre öffentliche Rezeption. Wer »Luise Kautsky« googelt erhält etwa 10.600 Treffer, »Karl Kautsky « bringt es dagegen auf 441.000 und »Rosa Luxemburg« auf mehr als 7,3 Millionen. Benedikt Kautsky war dies klar, als er seinem Bruder Felix am 24. Juli 1945 schrieb: »Sie war ein Mensch von eigenem Recht und eigenen Gnaden; sie war kein Mond, der sein Licht von einer fremden Sonne borgen musste.«6 Eine fundierte Biografie über Luise Kautsky ist längst überfällig.

von: Günter Regneri
aus: Mitteilungen 2011/II

 

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